Landespräventionsrat Niedersachsen
CTC - communities that care

Kurve Kriegen
Kurve Kriegen - Aktiv gegen Jugendkriminalität
Effektivität wahrscheinlich

Programminformationen

Ziel

Verhindern des dauerhaften Abgleitens in die Kriminalität von stark gefährdeten Kindern und Jugendlichen.

Zielgruppe

Kinder und Jugendliche im Alter von 8-15 Jahren, die mindestens ein Gewaltdelikt oder drei Eigentumsdelikte begangen haben und deren Lebensumstände deutlich mit Riskofaktoren belastet sind, wie:

  • Gewalterfahrungen im familiären Umfeld (häusliche Gewalt)
  • straffällige Sorgeberechtigte/Familienangehörige
  • mangelnde Erziehungskompetenz der Sorgeberechtigten
  • physische und/oder emotionale Vernachlässigung
  • finanziell stark belastete Sorgeberechtigte
  • mittelbare/unmittelbare Suchterfahrung/Substanzmissbrauch
  • fehlende Tagesstruktur
  • soziale Exklusion
  • unregelmäßiger Schulbesuch/Schulverweigerung
  • geringe Frustrationstoleranz/hohes Aggressionspotential
  • häufige Abgängigkeiten von Zuhause
  • Außenseiterposition (Opfer von Mobbing)
  • straffällige Personen in der Peergroup
  • ein kriminalitätsbelastetes Wohnumfeld
Methode

Die Teilnahme an "Kurve kriegen" ist freiwillig und kostenlos (Die Kosten werden in NBRW größtenteils durch das Land getragen).

Im Falle der Teilnahme ist die Einwilligung (1. Einverständniserklärung gegenüber der Polizei, 2. Einverständniserklärung gegenüber der pädagogischen Fachkraft) der Sorgeberechtigten zur Datenverarbeitung notwendig, um mit anderen Behörden/Institutionen in Kontakt zu treten, Daten zu übermitteln und sich abzustimmen.

Die Methode orientiert sich an den individuellen Ursachen für Kriminalität und an bestehenden Risikofaktoren. Diese sollen abgebaut und zugleich Schutzfaktoren aufgebaut werden. Daher verfolgt „Kurve kriegen“ kein Standardmaßnahmenprogramm, sondern regionale pädagogische „Baukästen“ in den Behörden unter Einhaltung vorgegebener Standards (zum Beispiel: evaluierte Maßnahmen, pädagogische Konzepte, erweiterte Führungszeugnisse, Versicherung, Ausschreibungsverfahren) und regelmäßigem, persönlichem Kontakt zu Trägern/Anbietern.

Ablauf im Einzelnen:
 

Erstes (Risiko)Screening durch die Polizei anhand polizeilicher Daten

  • Identifikation besonders kriminalitätsgefährdeter Kinder und Jugendlicher anhand von Devianz/Straffälligkeit und polizeilich bekannter Risikofaktoren
  • Standardisiertes Verfahren der Kreispolizeibehörden
  • Daraus abgeleitete Prognose der Gefährdung
  • 1. Kontaktaufnahme mit potentiell Teilnehmenden und deren Sorgeberechtigten (durch die Polizei) zwecks weiterer Abklärung
  • Bei Bestätigung der bisherigen Annahme, Einholen der 1. Einverständniserklärung

Im Fall der schriftlich bestätigten Teilnahmebereitschaft folgt dann ein aufsuchendes persönliches Gespräch durch eine pädagogische Fachkraft aus dem Fachkräfteteam.
 

Zweites (Risiko) Screening durch eine pädagogische Fachkraft anhand polizeilicher Daten und eigenen Eindrücken

  • Gewinnen persönlicher Eindrücke von Teilnehmenden und Familie sowie dem sozialen Umfeld
  • Ausführliche Erklärung des Programms
  • Prüfung ob erste Annahme der Polizei durch die pädagogische Fachkraft bestätigt wird
  • Erneuter Hinweis auf Freiwilligkeit für die Teilnahme
  • Einholen der 2. Einverständniserklärung (Erlaubnis zur Kontaktaufnahme zum Jugendamt oder Schule im Bedarfsfall)

Arbeit der pädagogischen Fachkraft mit Teilnehmenden, der Familie oder der Peer kann beginnen. Einbeziehen weiterer Institution bei Bedarf.
 

Teilnehmerorientierte pädagogische Fallbetreuung

  • Persönlicher Kontakt - anlass- und anlassunabhängig - zu den Teilnehmenden und der Familie
  • Ansprechpartner sein und Hilfe und Unterstützung bieten
  • Pädagogische Fachkräfte bei der Polizei fungieren als Bindeglied zwischen Polizei, Jugendamt und Schulen (unter Beachtung des Datenschutzes) und koordinieren die Netzwerkarbeit
  • Individuelle, passgenaue Maßnahmenplanung orientiert an bestehenden Möglichkeiten (Ressourcen und Bedarfe der Teilnehmenden, der Familie und anderen) und den konkreten Ursachen für Kriminalität (u.a. Risikofaktoren wie Häusliche Gewalt, Schulabstinenz, Mobbing, Alkohol- und Drogenmissbrauch, kriminelle Familienangehörige/ Peer)
  • Hinzuziehung von Experten und Einsatz weiterer pädagogischer Methoden (Beispiele: Anti-Gewalt-Training, Tiergestützte Therapie, Marte Meo, Nachhilfe, Sporttraining, Schuldnerberatung, Elterncoaching)
  • Konkrete schriftliche Zielvereinbarung mit den Teilnehmenden (GAS - Goal Attainment Scaling) und regelmäßige Prüfung, ob Ziele erreicht werden bzw. noch passend sind
  • Absprachen mit weiteren Institutionen (Jugendamt, Schulen etc.)
  • Polizeiliche Aufgabe beschränkt sich auf die (kriminal)polizeiliche Sachbearbeitung sowie die tagesaktuelle Information der pädagogischen Fachkraft über relevante Ereignisse (Beispiele: erneute Devianz/Straffälligkeit, Vermisstenfall, Häusliche Gewalt)→ ein oder eine kleine Gruppe fester polizeilicher Ansprechpartner (Personenorientierte Sachbearbeitung)
     

Leitfadengestütztes Abschlussgespräch/Übergangsmanagement

  • Bei geplanter Beendigung, Verweigerung oder ungeplantem Abbruch (wenn möglich)
  • Reflexion des Teilnahmeverlaufes
  • Ausblick über weiteres Vorgehen (z.B. Anschlussmaßnahmen des Jugendamtes)
  • Mitteilung an andere Verantwortliche (Beispiel: Jugendamt, JGH)
  • Einleiten eines Übergangsmanagements
     

Individuelle Teilnahmedauer

Die Teilnahme am Programm ist für 1 Jahr geplant und kann bei Bedarf mehrmals um jeweils 6 Monate verlängert werden.

Einen starr festgelegter Teilnahmezeitraum besteht nicht. Spätestens alle 8 Wochen prüfen die pädagogischen Fachkräfte, ob eine weitere Teilnahme an „Kurve kriegen“ sinnvoll und erforderlich ist.

Material / Instrumente

Risikoscreening-Instrumente sind nach Angabe des Anbieters von "Kurve Kriegen" als standardisierte Verfahren in den Kreispolizeibehörden vorhanden

Ansprechpartner

Stabsstelle Prävention Jugendkriminalität
Ministerium des Innern NRW
Friedrichstraße 62-80
40217 Düsseldorf

Tel.:   0211 871 3313 
Email: SPJ@im.nrw.de.  

Bei Interesse an "Kurve kriegen" aus anderen Bundesländern bitte an diese Adresse wenden.

Evaluation

Bliesener T, Glaubitz C, Hausmann B, Klatt T, Riesner L (2015). Prozess- und Wirkungsevaluation der NRW-Initiative "Kurve kriegen". Abschlussbericht der Wirkungsevaluation. Institut für Psychologie der Universität Kiel, abrufbar hier

Hölterhoff M, Braukmann J, Mohr S, Resnischek C (2016). Abschlussbericht - Kosten-Nutzen-Analyse der kriminalpräventiven NRW-Initiative "Kurve kriegen".
Zusammenfassung abrufbar hier

Problemverhalten
 
Das Programm wurde am 13.06.2017 in die Datenbank eingestellt
und zuletzt am 06.04.2018 geändert.

Umsetzung und Evaluation

Evaluation
Evaluationsmethode und Ergebnisse

Bliesener T, Glaubitz C, Hausmann B, Klatt T, Riesner L (2015):

Beobachtungszeitraum:

  • Mai 2012 - November 2014

Design:

  • prospektive Interventionsstudie mit Vergleichsgruppe
  • hauptsächtlich Vorher-Nachherbefragung bzw. Datenerhebung

Das Programm Kurve Kriegen wurde im damaligen Zeitraum in acht Modellbehörden in NRW durchgeführt und umfasste zum Ende des Beobachtungszeitraumes 210 Teilnehmende.

Davon nahmen 72 Kinder und Jugendliche (vereinzelt Geschwisterpaare) sowie deren 68 Sorgeberechtigten(-paare) an der Evaluation teil. Von diesen wiederum wurde die Gruppe der Abbrecher mit n=29  (Abbruch von Seiten des/der Teilnehmenden: fehlende Mitwirkungsvereitschaft, Kontaktabbruch, Widerruf der Einwilligung etc.) gesondert betrachtet.

Für die Kontrollgruppe wurden 51 Kinder und Jugendliche sowie deren Familien/Sorgeberechtigte rekrutiert. Sie stammen aus fünf der acht Kreise der Modellbehörden sowie zwei zusätzlichen Kreisen und konnten aufgrund beschränkter Kapazitäten nicht in das Programm Kurve Kriegen aufgenommen werden. Für diese Gruppe erfolgten übliche individuelle Maßnahmen.

Mit der erweiterten Verweigerergruppe wurde eine weitere Beobachtungsgruppe aus 108 Familien gebildet, die sich gegen eine Teilnahme an "Kurve Kriegen" entschieden hatten. Für diese Gruppe wurden im Beobachtungszeitraum ausschließlich Daten zur Entwicklung der Deliktbelastung erhoben.

Aus der Kontrollgruppe und der erweiterten Verweigerergruppe wurde die Vergleichsgruppe gebildet.

Erhebungsinstrumente:

  • Datenabfrage zentraler polizeilicher Datenbanken mittels der IT-Anwendung Integrationsverfahren der Polizei (IGPV) in NRW und Datenaufbereitung
  • Bildung eines Delikt-Schwere-Index zur quantitativen und qualitativen Abbildung der Delinquenzentwicklung
  • jeweils zwei halbstandardisierte Interviews, angepasst an die verschiedenen befragten Personengruppen (Polizeiliche Ansprechpartner, Pädagogische Fachkräfte, Teilnehmende Kurve Kriegen - Kinder/Jugendliche und Eltern/Sorgeberechtigte)
  • Goal Attainment Scaling - individualisiertes Verfahren zur Erfasung und Quantifizierung der Zielerreichung, wurde regelmäßig ca. alle drei Monate erhoben
  • polizeiliche Handakten (wenn vorhanden)
  • Jugendamtsfragebögen (wenn bereits vorher von seiten des Jugendamts betreut)
  • einmalige Erhebung von selbst angegeben Schulnoten sowie Fehltagen/Fehlstunden gegen Ende des Beobachtungszeitraumes

Ergebnisse:

  • Deliktbelastung
    • gleichbleibend bei Teilnehmenden
    • sinkt bei Vergleichsgruppe (Kontrollgruppe + erweiterte Verweigerergruppe)
    • sinkt bei Abbrechern
  • Deliktschwere
    • leichte Zunahme bei Teilnehmenden
    • sinkt bei Vergleichsgruppe (Kontrollgruppe + erweiterte Verweigerergruppe)
    • größter Anstieg bei Abbrechern
  • familiäre Risiko- und Schutzfaktoren
    • positivere Entwicklung der Teilnehmenden im Vergleich zur Vergleichsgruppe (Kontrollgruppe plus erweiterte Verweigerergruppe); signifikante Unterschiede zugunsten der Teilnehmenden für die Faktoren innerfamiliäre verbale Konflikte, Erziehungsprobleme, positive außerfamiliäre Kontakte
    • Hinweise auf strukturiertere Freizeitgestaltung und Reduzierung des Kontaktes zu devianten Peers bei den Teilnehmenden im Vergleich zur Vergleichsgruppe

Es wird darauf hingewiesen, dass die gesonderte Betrachtung der Gruppe der Abbrecher zu einer Verzerrung der Ergebnisse in Richtung einer Überschätzung der Effekte führen kann.

Die Teilnehmenden weisen unterschiedliche Teilnahmezeiten auf. Nicht alle hatten zum Zeitpunkt der letzten Befragung das Programm bereits beendet.

Hölterhoff M, Braukmann J, Mohr S, Resnischek C (2016):
Die Kosten-Nutzen-Analyse der Prognos AG wurde aufgrund fehlender Effektstärken für die Programmeinstufung nicht zugrunde gelegt.

Konzeptqualität

Kriterien sind erfüllt.

Evaluationsergebnisse
Deliktbelastung und Deliktschwere: negativ Risiko- und Schutzfaktoren: positiv
Evaluationsniveau und Beweiskraft
Zwei Sterne, schwache Beweiskraft
Aufwand
mit (€) gekennzeichnete Posten erfordern finanzielle Leistungen an Externe

(€) Für NRW gilt: Kosten für die pädagogischen Fachkräfte werden vollständig, sowie die Maßnahmenkosten bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls durch das Land NRW getragen.

erforderliche Kooperationspartner

lokale Polizeibehörden mit entsprechenden Fachkräfteteams.
Fachkräfteteams setzen sich aus pädagogischen Fachkräften anerkannter Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe und polizeilichen Ansprechpartnern zusammen

vor Ort:
Anbieter entsprechender teilnehmerorientierter Maßnahmen (Jugendamt, Beratungsstellen, freie Träger der Jugendhilfe etc.)

Zeit bis zu erwartbaren Auswirkungen auf Risiko- bzw. Schutzfaktoren

Erfahrungen mit dem Programm

Programm probiert in

19 Kreispolizeibehörden in NRW (Stand 03/2017)
 

Programm aufgenommen in anderen Datenbanken, best-practice-Listen o.ä.

WESPE - "Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen durch Evaluation" des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention NZK


Suchzugänge

Programm als PDF exportieren